boss.level: PC-Spiele verkümmern zum Nischenmarkt

Volker Ritzhaupt
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Die sinkende Bedeutung des PC-Spielmarkts im globalen Umfeld birgt für den Macintosh-Spezialisten Application Systems Heidelberg (ASH) die Chancen zum Einstieg ins PC-Geschäft. Sowohl mit Portierungen weltbekannter Konsolenspieler wie "Tony Hawk's Pro Skater 4" als auch Eigenproduktionen soll das neue Segment erschlossen werden. games.markt sprach mit Geschäftsführer Volker Ritzhaupt über die Chancen von PC-Umsetzungen.

gm: Als Macintosh-Spezialist ist ASH noch weitgehend unbekannt in der PC-Spielewelt. Wo liegen die Wurzeln von ASH?

Volker Ritzhaupt: Wir haben 1985 mit der Vermarktung von Atari-ST-Software begonnen, als Atari ST mit etwa einer Million platzierter Geräte in Deutschland einen vernünftigen Marktanteil hatte. Bereits 1994 hat sich jedoch abgezeichnet, dass wir uns künftig andere Betätigungsfelder erschließen müssen, und bereits ein Jahr später haben wir unsere erste Lokalisierung für den Apple Macintosh gemacht. Nach und nach haben wir uns eine alleinige Position bei der Lokalisierung von Macintosh-Produkten für den deutschen und französischen Markt erarbeitet. Allerdings muss man sich unter dem Begriff "Lokalisierung" weit mehr als nur Übersetzungsarbeit vorstellen. Wir bearbeiten auch die Software, erstellen die Mac-Installer und organisieren Produktion und Vermarktung. Wir sind also kein reines Übersetzungshaus oder ein Distributor, sondern ein bisschen von allem. Anders ließe sich die Vermarktung von Mac-Spielen nicht bewerkstelligen.

gm: Um welche Größenordnung geht es bei Mac-Spielen?

Ritzhaupt: Aktuell können von einem guten Spiel rund 1000 Stück in Deutschland abgesetzt werden. Natürlich gibt es Ausreißer nach oben, von denen bis zu 6000 Stück verkauft werden.

gm: Welche Spiele werden portiert?

Ritzhaupt: Auf dem Macintosh befassen wir uns nur mit Toptiteln. Derzeit gibt es vier Firmen, die sich auf die Portierung für Macintosh konzentrieren, und mit jeder arbeiten wir zusammen. Sie beobachten den Spielemarkt und erwerben für erfolgreiche Titel die entsprechende Macintosh-Lizenz. Aus diesem Grund haben wir Titel wie "Tomb Raider", "Sims" und "Age Of Empires" im Portfolio.

gm: Was unterscheidet den Macintosh-Spielemarkt bspw. vom PC-Spielemarkt?

Ritzhaupt: Die Konkurrenzsituation stellt sich oft anders als auf dem PC-Markt dar. Vor allem sind jedoch die Produktlebenszyklen sehr viel länger. Auf dem Macintosh können wir den Vollpreis in der Regel ein Jahr halten. Das gelingt im PC-Bereich bei nur wenigen Spielen. Andererseits benötigen wir diese sehr langen Lebenszyklen, um die notwendigen Stückzahlen zu erreichen.

gm: Das klingt, als sei der Return of Investment nur schwer zu erreichen...

Ritzhaupt: Es werden immer mehr Spiele für Macintosh portiert, was grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung ist. Wir haben insgesamt etwa 90 Titel lokalisiert, 40 davon allein in diesem Jahr. Allerdings wächst der Markt nicht beliebig mit. Wenn wir also doppelt so viele Titel anbieten, der Markt jedoch "nur" um 20 bis 30 Prozent wächst, dann sinkt im Umkehrschluss auch die durchschnittlich verkaufte Stückzahl pro Titel.

gm: Erstmals veröffentlicht ASH in diesem Herbst auch PC-Spiele. Wie kam es dazu? Der Einstieg in das PC-Segment hängt unmittelbar mit unserem Mac-Geschäft zusammen. Das Prinzip, wie wir mit unseren Lieferanten und Lizenzgebern zusammenarbeiten, ist nicht an Macintosh gebunden. Es geht darum, dass eine Plattform je nach Blickwinkel interessant oder uninteressant ist. Bei "Tony Hawk's Pro Skater 4" hat Activision entschieden, sich auf den Konsolenbereich zu konzentrieren und die PC-Lizenz an Aspyr, einen unserer langjährigen Partner im Macintosh-Bereich, abzugeben.

gm: Stellen solche Entscheidungen nicht Ausnahmen dar?

Ritzhaupt: Bisher wurde so nur im Macintosh-Bereich verfahren. In den USA gibt es jedoch seit geraumer Zeit den Trend weg von PC-, hin zu Konsolensoftware. In Japan spielt sich im Grunde schon heute alles auf Konsole ab. Da Plattformentscheidungen global getroffen werden, glaube ich, dass künftig zunehmend Spiele nur für Konsole und nicht für PC produziert werden, selbst wenn in Deutschland der Trend hin zu Konsole nicht oder nur sehr langsam voranschreitet. Die entstehende Lücke kann dann wie im Mac-Bereich von spezialisierten Firmen geschlossen werden: Sie suchen gute Spiele und erwerben für die Plattformen eine Lizenz, die der Originalpublisher nicht direkt besetzen will. An den einzelnen Abläufen ändert sich nichts. Wir übernehmen die Lokalisierung, kümmern uns um länderspezifische Details wie die USK-Freigabe oder GEMA-Gebühren etc. Anstatt einer Plattform bedienen wir eben zwei.

gm: Dennoch gibt es Unterschiede zwischen PC- und Macintosh-Spielemarkt...

Ritzhaupt: Natürlich. Beispielsweise spielen Media Markt und Saturn im Macintosh-Bereich eine untergeordnete Rolle. Wir beliefern insgesamt 13 Filialen, meist in Großstädten wie München oder Frankfurt, in denen es zahlreiche Werbeagenturen und Verlage gibt und wo wir deshalb eine Mac-Klientel erwarten können.

gm: Der Einstieg hat für ASH also auch vertriebliche Konsequenzen?

Ritzhaupt: Im Wesentlichen haben wir zwei neue Vertriebskooperationen geschlossen. Für den Independentkanal arbeiten wir mit Software Discount 99 zusammen. Bei Media-Saturn kooperieren wir mit New Planet Distribution.

gm: Was erwarten Sie vom PC-Geschäft?

Ritzhaupt: Natürlich werden größere Stückzahlen vermarktet, andernfalls hätten wir etwas falsch gemacht. Bei "Tony Hawk's Pro Skater 4" rechnen wir mit fünfstelligen Stückzahlen. An Zahlen im sechsstelligen Bereich glaube ich jedoch nicht. So ist "Kelly Slater Pro Surfer" ein hervorragender Titel, der jedoch auf Grund der Thematik Abverkäufe im hohen vierstelligen Bereich, vielleicht sogar auch den fünfstelligen Bereich, erreichen kann. Genau darin spiegeln sich aber auch die unterschiedlichen Blickwinkel wider. Während ein Titel mit 5000 bis 10.000 verkauften Units für Majors oft ungenügend ist, bewerten wir derartige Abverkäufe unter Umständen bereits als sehr gut.

gm: Wie sehen Ihre langfristigen Pläne aus? Werden Sie das Geschäft über Portierungen hinaus forcieren?

Ritzhaupt: Es gibt Projekte, an denen wir zusätzlich arbeiten. Z. B. veröffentlichen wir mit "F/A18 Operation Desert Storm" eine Eigenentwicklung von Graphic Simulations. Auch verhandeln wir über zwei weitere Projekte, ebenfalls Eigenentwicklungen. Der Schwerpunkt wird jedoch auf Konsolenportierungen liegen. Mittelfristig könnte unser Portfolio bis Mitte nächsten Jahres zehn bis zwölf Spiele für PC umfassen.

gm: Bislang agierte ASH im Mac-Bereich konkurrenzlos. Das ist im PC-Spielemarkt anders. Fürchten Sie nicht, dass viele Firmen versuchen werden, sich die PC-Rechte an Konsolenhits zu sichern?

Ritzhaupt: Auf dem Macintosh hat uns niemand Konkurrenz gemacht, weil der Markt für viele nicht interessant genug ist. Natürlich ist die Situation jetzt eine andere. Allerdings gibt es den entscheidenden Faktor Know-how. Wie bereits erwähnt, sind wir mehr als eine reine Übersetzungsfirma. Wir greifen mit viel Know-how in technische Prozesse ein, erfüllen Aufgaben auch im Entwicklungsbereich und entlasten so die entsprechenden Mitarbeiter in den USA. Ein klassischer Distributor verfügt nicht über dieses Know-how. Hinzu kommt, dass wir mit den meisten Publishern seit mehreren Jahren zusammenarbeiten und ein sehr gutes Vertrauensverhältnis existiert. All dies ist kein Garant für sichere Geschäfte ohne Überraschungen. Unsere Ausgangsposition ist jedoch sehr gut.

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