Das Wunder von Rottenmann oder JoWooDs Rückbesinnung auf alte Qualitäten

Andreas Tobler
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JoWooD teilte das Schicksal vieler börsennotierter Unternehmen. Der mit der Marktkapitalisierung einhergehende Investitionsauftrag zu mehr Wachstum endete fast im Desaster. Doch im Unterschied zu anderen Unternehmen erlebt JoWood gerade ein echtes Revival. Seit drei Quartalen geht es wieder bergauf. Im Gespräch mit games.markt wirft Andreas Tobler, CEO von JoWood Productions Software AG, einen kritischen Blick zurück und einen optimistischen nach vorn.

gm: Gehen Sie heute lieber ins Office als in den Krisenzeiten?

Andreas Tobler: Ich bin nie ungern in die Firma gegangen. Sicherlich betritt man sein Unternehmen in Phasen des Erfolgs anders als in Krisenzeiten. Aber wenn man dann sieht, dass es wieder aufwärts geht, weil wir das Ruder radikal herumgerissen haben, das Management also offensichtlich die richtigen Entscheidungen getroffen hat, dann fühlt man sich sehr schnell wieder gestärkt, und mit jedem Tag wächst die Zufriedenheit.

gm: Wie kam es überhaupt zu dieser bedrohlichen Situation? Vor dem Börsengang war JoWooD ein kleines und sehr gesundes Unternehmen. Mit den Millionen, die der Börsengang in die Firmenkasse gespült hatte, begann die rasante Expansion, die JoWooD fast das Genick gebrochen hätte. Wo liegen die Ursachen für die Krise? Fördert zu viel Geld den ökonomischen Leichtsinn?

Tobler: JoWooD hat das Schicksal vieler New-Economy-Unternehmen geteilt. Beim Börsengang waren wir ein kleines Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 100 Millionen. Dieses Geld bekommt man, um in Wachstum zu investieren. Sicherlich sind wir in der Folge zu schnell gewachsen; hinzu kamen noch eine Reihe von Produktverschiebungen und - nicht zu vergessen - die Kapitalerhöhung im Mai 2002 zu einem Zeitpunkt, als die Börsen schon am Boden waren. 20 Millionen Euro sollten dadurch ins Unternehmen geholt werden, neun waren es schlussendlich - eindeutig zu wenig. Das meiste Geld hat JoWooD aber am US-Markt verloren - wie so viele andere Unternehmen auch. Hier wurden wirklich Millionen versenkt. Im Endeffekt gab es ein sehr schlechtes Quartal, das Q3 2002: In den USA blieben die Umsätze komplett aus, dann kamen die Retourenberge, und schließlich wurden die Banken nervös - so vollzog sich der Niedergang sehr rasch. Für mich mutet es schon wie ein Wunder an, dass unser Unternehmen überhaupt überlebt hat. Es zeigt aber zugleich, dass die richtigen Schritte eingeleitet wurden.

gm: Wie kam es zu diesem Wunder?

ToblerDas Management hat funktioniert und die richtigen Entscheidungen getroffen. Und in vielen Sieben-Tage-Wochen mit 18-Stunden-Tagen Ende letzten Jahres haben wir das Ruder herumgerissen und den Kahn in ruhigeres Fahrwasser gesteuert. Und der Einsatz hat sich, wie wir heute sehen, gelohnt.

gm: Welche Entscheidungen waren das?

Tobler: Wir haben einen radikalen Schnitt gemacht und alle Unternehmensbereiche, die keinen sicheren Deckungsbeitrag versprachen abgestoßen bzw. geschlossen. Zudem wurde die Strategie völlig neu ausgerichtet. Wir haben uns vollständig aus der direkten Distribution zurückgezogen und wieder auf das Kerngeschäft konzentriert: auf die Entwicklung und das Publishen von Spielen. In allen anderen Bereichen arbeiten wir inzwischen mit Partnern zusammen. Zudem haben wir im Portfolio radikale Kürzungen vorgenommen, sprich: alle B- und C-Titel sofort eliminiert, daher rührte auch der hohe Abschreibungsbedarf, der entstanden ist. Und wie man sieht hat JoWooD heute sehr starke Titel mit internationalem Potenzial wie "SpellForce - The Order Of Dawn" und "Söldner - Secret Wars" oder auch "Silent Storm", die in Deutschland über Bigben Interactive vertrieben werden.

gm: Sind die Produkte, die Sie jetzt im Portfolio haben, allesamt Eigenkreationen?

Tobler: Teils, teils. Zum Teil kommen sie aus den internen Studios, andere wurden zusammen mit externen Entwicklerteams geschaffen.

gm: Wie ist JoWooD heute aufgestellt?

Tobler: Der Hauptsitz befindet sich ja im österreichischen Rottenmann. Daneben gibt es noch die internen Entwicklungsstudios, zwei in Österreich, eins in Wien und eins in Ebensee; in Deutschland befinden sie sich in Frankfurt, Mannheim und Hattingen. Darüber hinaus gibt es noch, auf kleinerer Flamme, die Niederlassung in Offenbach sowie ein kleines Office in Tokio. Geschlossen wurden die Büros in England und den USA. Die Vertriebstöchter Leisuresoft und Dynamic Systems, inklusive der Osttöchter in Prag und Budapest, wurden verkauft bzw. liquidiert.

gm: Und von der Unternehmensgröße her?

Tobler: Das Unternehmen hatte in Hochzeiten 290 Mitarbeiter; inzwischen sind es 140 Leute, wovon rund 100 in den Entwicklungsstudios beschäftigt sind. Es ist heute also im Gegensatz zu früher eine relativ schlanke Organisation. Das Wichtigste war auf jeden Fall die Kosten zu senken, was uns deutlich gelungen ist.

gm: Heute blickt JoWooD auf drei erfolgreiche Quartale in Folge und die Rückkehr ins Prime Segment der Börse zurück...

Tobler:... übrigens das erste Unternehmen im deutschsprachigen Raum, das diesen Wiederaufstieg jemals geschafft hat...

gm: Wie verteilt sich JoWooDs Umsatz heute? Da hatte sich ja in der Vergangenheit im Zuge der gestiegenen internationalen Vertriebsaktivitäten einiges verschoben. Erst kam das Gros aus dem deutschsprachigen Raum, dann nahm der internationale Bereich stärker zu.

Tobler: Heute haben wir eine bessere Verteilung. Ein Drittel bis maximal 40 Prozent erzielen wir im deutschsprachigen Raum, rund ein Drittel im restlichen Europa und das letzte Drittel in den USA und Asien.

gm: Und wie sieht die Zukunftsplanung aus?

Tobler: Die Rückbesinnung auf alte Qualitäten, wie ich sie vor dem Börsengang gepflegt habe, steht an oberster Stelle. Dazu gehört etwa ein kontrolliertes Wachstum. Ja, JoWooD wird wieder wachsen. Nach Maßgabe, wie ich immer sage, eines kalkulierten Risikos. Das bedeutet, dass das Wachstum komplett aus Eigenmitteln finanziert wird. Übrigens arbeiten wir seit der großen Krise im letzten Jahr ohne jegliche Bankenunterstützung. Darauf sind wir sehr stolz.

gm: Weg von der Company, hin zum Markt. Wie schätzen Sie diesen ein?

Tobler: Der hat sich in der jüngsten Vergangenheit sehr stark verändert und nimmt immer stärker filmähnliche Dimensionen an, das heißt, sehr hohe Entwicklungskosten und ein sich verfestigender Trend zum Hit-driven-Markt. Betrachtet man die Plattformen, ist der deutschsprachige Raum wohl der wichtigste PC-Markt. International sind die Konsolen weiter auf dem Vormarsch, was sich auch in unserer Produktpolitik niederschlagen wird. Schon im nächsten Jahr werden wir einige Multiplattformtitel veröffentlichen. Ansonsten ist es generell schade um die deutschsprachige Entwickler- und Publisherszene. Sehr viele Marktteilnehmer gibt es ja heute nicht mehr.

gm: Deshalb auch meine Frage nach den Eigenentwicklungen von JoWooD, die, wie Sie sagen, durchaus internationales Potenzial haben. Gerade aus internationaler Sicht traut man den deutschen Entwicklungen dies jedoch vielfach nicht zu.

Tobler: Es wäre zu einfach, dies auf die Qualität der Entwickler zuzuspitzen. Ein Fehler, der immer wieder gemacht wird, ist der, dass deutsche Entwickler das Produkt zu deutsch machen. Hier muss ein Umdenken einsetzen und ein einfacherer Zugang für den Spieler geschaffen werden. Sehr oft besitzen die deutschen Spiele eine hervorragende Technik, sind aber viel zu kompliziert und leiden massiv im Gameplay und Gamedesign. Glücklicherweise es gibt bereits einige Studios, die diese Mängel abstellen, weshalb sie über kurz oder lang international auch erfolgreich sein werden. Natürlich ist auch die Marketingpower mittlerweile sehr entscheidend bei der Durchsetzung eines Spiels am Markt. Das verfolgen wir ja auch sehr stark. Auf Grund der wenigen Titel konzentrieren wir uns auf diese. So wird "SpellForce - The Order of Dawn" zum Beispiel europaweit am Day One mit 500.000 Einheiten geshipped, davon gehen 150.000 Units nach Deutschland. Daran wird ersichtlich, dass man auch mit einem deutschen Titel in diese Dimensionen vorstoßen und einen Hype aufbauen kann.

gm: Entwickeln Sie für das N-Gage?

Tobler: Wenn sich das Produkt am Markt durchsetzt, werden wir sicher auch dafür entwickeln.

gm: Wer macht das Marketing für Ihre Produkte, Sie oder der Vertriebspartner?

Tobler: Es ist eine Kombination aus beiden. JoWooD gibt im Prinzip die Strategie vor, setzt diese dann aber gemeinsam mit den jeweiligen lokalen Vertriebspartnern um.

gm: Weihnachten steht bald vor der Tür. Welchen Wunsch haben Sie?

Tobler: Endlich mal ein paar Tage so richtig ausschlafen!

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