Im Gespräch: Stephan Brechtmann, Director Home & Retail Devision bei Microsoft
Seit 1. Februar ist Stephan Brechtmann neuer Direktor der Home & Entertainment Division bei Microsoft Deutschland. Mit dem erfahrenen Vertriebsmann sprach games.markt über Zielsetzungen, Flächenproduktivität uund Imageförderung.
gm: Wer wird der neue Vertriebsleiter Retail?
Stephan Brechtmann: Über diese Position ist noch nicht entschieden. Darüber werden wir in der nächsten Zeit befinden und die Entscheidung dann mitteilen.
gm: Was haben Sie sich in der neuen Position vorgenommen?
Brechtmann: Ehrlich gesagt, das erfolgreiche Geschäft erfolgreich weiterzuführen. Und das ist nicht nur so dahingesagt. Das letzte halbe Jahr war eins der erfolgreichsten von Microsoft Deutschland. Dabei geht es aber nicht nur um Xbox, sondern auch um Commercial-Produkte wie Windows und Office, nicht zu vergessen unsere Hardwareprodukte.
gm: Es wird also keinen Strategiewechsel oder sonstige Veränderungen geben?
Brechtmann: Nein. Das ist vielleicht ungewöhnlich in diesen Zeiten. Aber dieser Wechsel war ein sehr gut vorbereiteter, organischer Wechsel. Er ist vollends durch Kontinuität geprägt. Warum sollten wir auch von einem erfolgreichen Kurs abweichen? Schließlich haben wir einen Office-Launch hingelegt, der der erfolgreichste in ganz Europa war, zudem haben wir unsere Marktanteile im Hardwarebereich deutlich ausbauen können, und wir haben uns bei den Konsolen sicher behauptet.
gm: Ist der Handel bei der Gamesvermarktung auf einem guten Weg? Im letzten Jahr gab es die Saturn-Kampagne "Lust auf ein Spielchen?". Ähnliche Aktionen sind wohl geplant. Ist damit aber genug getan?
Brechtmann: Getan ist es damit nicht. Aber es ist lobenswert, dass der Handel das Thema Games, oder besser, das Thema Entertainment, richtig entdeckt hat. Die Saturn-Kampagne war nur der Startschuss. Es denken mittlerweile viele Handelsunternehmen darüber nach. Wichtig ist, das Thema Entertainment im Outlet zu platzieren, ein Thema, das übergreifend gesehen werden muss. Es geht dabei ja nicht nur ums Spielen. Es geht vielmehr um große Bildschirme, um Home-Cinema-Anlagen, um Online. Das muss im Outlet wie in der Werbung abgebildet werden. Darin liegen große Chancen. Dafür sind aber auch große Investitionen notwendig.
gm: Gibt es solche Ansätze schon?
Brechtmann: Ich weiß, dass einige Unternehmen darüber nachdenken, weiter in diesen Bereich zu investieren und gegebenenfalls voranzuschreiten. Wir sind auch bereit, mit allen in Kontakt zu treten, die diesen Ansatz forcieren wollen. Tatsächlich geht es dabei nicht mehr, wie gesagt, um die Frage Games oder nicht Games. PC- und Videospiele sind ein Teil der Unterhaltung, also des Entertainment.
gm: Eine weiteres Mittel, die Produktivität der Fläche zu erhöhen, ist der Einsatz von Systemen wie Vendor Managed Inventory. Electronic Arts ist hier mit dem Flächenmanagement vorangegangen. Wie sehen Sie das?
Brechtmann: Das ist ein großartiger Ansatz von EA, sich mit der Produktivität von Fläche auseinander zu setzen. Jeder weiß, dass die Flächen im Handel begrenzt sind, und Wachstum kann nicht nur möglich sein, wenn man die Flächen permanent erweitert. Das heißt, man muss dauernd hinterfragen, ob die vorhandene Fläche besonders produktiv belegt ist. Den Ansatz "Weniger ist mehr", also die Schnelldreher hervorzuheben, um damit noch mehr Umsatz zu generieren, halte ich für Erfolg versprechend. Insbesondere in Zeiten, in denen die Spannen und Margen durch den Preiskampf unter Druck stehen. Den von EA eingeschlagenen Weg sehe ich als vorbildlich an. Zumal man in vielen anderen Bereichen, etwa im LEH, beim Thema Flächenproduktivität schon sehr weit ist. Im Vergleich dazu befindet sich unser Bereich noch im Anfangsstadium.
gm: Wie hält es Microsoft hier?
Brechtmann: Wir sind absolut bereit, mit unseren Handelspartnern über Flächenbelegung sowie Gestaltung und Platzierung von Waren zu reden. Aber zu guter Letzt ist es Aufgabe eines Handelsunternehmens, sich zu überlegen, wie es die Category sinnvoll aufstellt.
gm: Für VMI ist eine bestimmte technische Infrastruktur Voraussetzung. Wie sieht der Status quo im Handel aus?
Brechtmann: Notwendig für die Information, welche Produkte Renner oder Penner sind, ist die exakte Analyse. Wenn der Bestand allerdings EDV-technisch nicht erfasst wird, hat man es bei der Einführung solcher Tools sehr schwer. Die genaue Datenbasis ist eine unabdingbare Voraussetzung.
gm: Ist diese Voraussetzung im Handel gegeben?
Brechtmann: Das ist sehr unterschiedlich. Zudem fangen Unternehmen aus unserem Bereich gerade erst an, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Grundsätzlich liegt die EDV vor, aber ob sie für diesen speziellen Bereich nutzbar oder zu optimieren ist, ist zu prüfen. Jedenfalls ist hier noch viel Arbeit vonnöten. Ich weiß, dass die großen Unternehmen aus dem Consumer-Electronic-Shop-Bereich in oder vor der Umsetzung solcher Systeme stehen. Das ist noch längst nicht Category Management in Reinkultur, aber ein Anfang.
gm: Die Bereitschaft, VMI zu realisieren, steigt mit empirischen Daten. Dafür dürfte EAs Ansatz jetzt gesorgt haben.
Brechtmann: Den Beweis, dass sich auf bestehender Fläche Umsätze und Erträge optimieren lassen, wird EA jetzt führen können. Damit wird auch die Bereitschaft im Handel wachsen, mit einzelnen Lieferanten oder im Verbund neue Wege zu beschreiten.
gm: Wie beurteilen Sie den Bereich PC- und Konsolensoftware?
Brechtmann: Wenn man PC als PC-Games versteht, muss man den Gesamtmarkt als äußerst schwierig betrachten. Wobei ich sagen kann, dass wir Franchises haben, die nicht mehr zu Hit-getrieben sind, was uns enorm hilft. Zumal sich zunehmend herausstellt, dass die Halbwertzeit von Spielen meist kürzer ist als die Frischezeit eines Joghurts. Nach vier Wochen ist ein Spiel häufig schon nicht mehr aktuell. Das ist bei unseren Franchises wie "Flugsimulator", "Zoo Tycoon" oder "Train Simulator" glücklicherweise anders. Davon verkaufen wir kontinuierlich über Monate hinweg Stückzahlen, was wiederum eine vernünftige Planbarkeit gewährleistet.
Alle angestrebten Zahlen erreicht
gm: Wo liegen die Ursachen für die geringe Halbwertzeit? Brechtmann: Ganz klar Piraterie und das mangelnde Bewusstsein davon, dass hier Diebstahl begangen wird. Das ist sicher eine der Hauptursachen. Der Preis ist hier nicht als Ursache anzuführen, schließlich kann man nirgendwo Spiele günstiger kaufen als in Deutschland.
gm: Hängt es vielleicht auch mit dem Überangebot an Produkten zusammen?
Brechtmann: Es ist sicherlich ein Überangebot da, das auch noch in zeitlich so komprimierter Form - im Oktober und November - released wird, dass der Konsument schlichtweg überfordert ist. Aber im Kern ist es ein Piraterieproblem.
gm: Und wie entwickelt sich der Bereich PC-Anwendungen?
Brechtmann: Wir haben im Oktober letzten Jahres das neue Office gelauncht. Diese Produkte haben einen dermaßen großen Anklang gefunden, dass sie auch für den Handel zu einem guten Umsatz- und Ertragsbringer geworden sind. Auch im europäischen Vergleich ist Deutschland hier absolut führend. Das zeigt, dass es auch in Deutschland möglich ist, besser als im Ausland Produkte zu verkaufen. Es zeigt auch, dass selbst eine eher ruhige und emotionsarme Kategorie wie Anwendersoftware enorm stark sein kann. Deshalb wird unser besonderes Augenmerk für die Zukunft darauf liegen, Anwendersoftware adäquat an den Mann zu bringen.
gm: Nintendo hat den GameCube-Preis gesenkt. Geriet die Xbox dadurch unter Druck?
Brechtmann: Überhaupt nicht. Unsere angestrebten Verkaufszahlen haben wir trotz dieses Preisschrittes von Nintendo erreicht. Allerdings darf man das nicht nur durch die Konsolenbrille betrachten. Es ist natürlich klar, dass man mehr Hardware verkauft, wenn man den Preis halbiert. Entscheidend ist aber, ob das Modell trägt, wenn ich auch entsprechend viel Software dazu verkaufe.
gm: Die Branche hat sich das Thema Games-Imageförderung auf die Fahnen geschrieben. Was plant Microsoft?
Brechtmann: Es ist ganz wichtig, Lobbyismus auf vielen Ebenen zu betreiben. Hier muss mit Ministerien und Familien kommuniziert werden. An dieser Stelle muss ich Jürgen Gallmann, Vorsitzender der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, danken, der sich sehr stark für eine Imageförderung von Games bei politischen Entscheidern einsetzt. Das ist ein sehr wichtiger Bereich, in dem auch alle anderen Industrieunternehmen, so sie die Möglichkeit dazu haben, aktiv sind.