Lernsoftware: Optimismus zum Schuljahresanfang

Christina Heinisch
Christina Heinisch © None

Nach deutlichen Umsatzeinbrüchen im vergangenen Jahr rechnen die Anbieter für Lernsoftware mit einer Markterholung ab dem neuen Schuljahr. Dennoch hat die lahmende Konjunktur Spuren hinterlassen: Die Verbraucher sind preissensibler und stellen den praktischen Nutzen von Lernsoftware deutlich über den Unterhaltungswert.

Nach Jahren des konstanten Wachstums musste der Markt für Lernsoftware im vergangenen Jahr einen herben Umsatzeinbruch verkraften. Laut der GfK ging der Umsatz im Non-Games-Bereich, der zu einem wesentlichen Teil aus Lernsoftware und Edutainment besteht, um 20 Prozent auf 186,8 Mio. Euro zurück. Getroffen hat es dabei vor allem die großen Anbieter in diesem Segment. "Die Umsatzeinbußen waren auch bei uns zu spüren", berichtet Martin Seebohn, PR-Manager Vivendi Universal Interactive Publishing Deutschland (VUIPD). Vor allem die "Addy"-Reihe habe sich nicht mehr im selben Maß verkauft wie in den Jahren zuvor. Ähnlich erging es auch Klett, wie die für Software zuständige PR-Managerin Christina Heinisch bestätigen kann. Auch die Ernst-Klett-Verlage hätten gespürt, dass die Kaufzurückhaltung der Kunden sich negativ auf die Regalfläche sowohl für Lernsoftware als auch für Edutainmentprodukte ausgewirkt habe, was dann letztlich auch zu sinkenden Umsätzen geführt habe.

Lernerfolg geht vor Unterhaltung

Zumal Lernsoftware in den meisten Flächenmärkten nur eingeschränkt oder gar nicht zu finden ist. Die schwache Konjunkturlage wirkt sich jedoch nicht nur auf die Handelsflächen aus, es gab auch eine Verschiebung des Potenzials innerhalb der Produktsegmente. Das einstige Zugpferd Edutainment, bei dem der Spaßfaktor ein wesentlicher Bestandteil des Produktkonzepts ist, gerät ins Hintertreffen, Lernsoftware mit Fokus auf die Lerninhalte wieder mehr in den Vordergrund. "Es bestätigt sich, dass der Kunde in schwierigen Zeiten den Nutzwert einer Lernsoftware, also den erzielten Lerneffekt, höher bewertet als den Unterhaltungseffekt", bringt es Irina Pächnatz, Unternehmenssprecherin von Cornelsen, auf den Punkt.

Eine Einschätzung, die auch Mil Thierig teilt: "Der Bereich Lernsoftware ist weniger betroffen als der Bereich der spielerischen Edutainmenttitel", so der Geschäftsführer des Berliner Tivola Verlags. Rechtzeitig hatte Thierig den Trend erkannt und im vergangenen Jahr zur Buchmesse die ersten Titel der Lernsoftwarereihe "Freddy" zusammen mit Klett auf den Markt gebracht - die ersten Lernsoftwaretitel des als Edutainmentspezialist geltenden Tivola Verlags.

Welche Vorteile es hat, beide Formen der Lerntitel im Programm zu führen, zeigt sich auch beim Münchner Terzio Verlag. "Terzio hat keine Umsatzeinbußen zu beklagen - im Gegenteil", so Vertriebsleiter Jürgen Frädrich. Das Unternehmen hat im Februar 2003 die Reihe "Lernspaß" komplettiert und ist nun mit einem breiten Portfolio gut für den Herbst gerüstet. "Der Schulanfang 2003 ist unser erstes Schuljahresanfangsgeschäft, an das wir hohe Erwartungen knüpfen", so Frädrich optimistisch. Seine Zuversicht wird im Übrigen von der gesamten Branche geteilt.

"Dieses Jahr scheint sich der Markt etwas zu erholen, und 2004 rechnen wir damit, dass die Kurve wieder deutlich nach oben zeigt", beurteilt auch VUIPD-Pressemann Seebohn die Situation. Er rechnet schon für den anstehenden Beginn des neuen Schuljahrs mit einer Wiederbelebung des Lernsoftwaremarkts.

Spätes Ferienende positiv für die Branche

Weiterhin überzeugt vom Erfolg von Lernsoftware, wenn sie sorgfältig auf den Unterricht abgestimmt ist, zeigt sich auch Cornelsen, wo man ebenfalls zuversichtlich auf das Herbstgeschäft blickt. "Durch verschiedene Faktoren bedingt, wird sich die Nachfrage in diesem Jahr vom Schulbeginn allerdings weit in den September hinein verlagern", weiß Cornelsen-Sprecherin Pächnatz. Ähnlich sieht es auch Jochen Schmitzvon BMS Modern Games. Vor allem das späte Ferienende in großen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und Bayern könnte sich seiner Meinung nach zusätzlich positiv auswirken. "Das ist für uns optimal, um die Neuheiten auf der Games Convention vorzustellen und anschließend im Handel zu platzieren", so Schmitz. BMS, die durch die Zusammenarbeit mit EMME Interactive erst richtig mit dem Segment Lernsoftware in Berührung kam, will das Portfolio dann auch ausbauen. Den erst in den letzten Monaten vollzogenen Einstieg in das Segment bilanziert Schmitz sehr positiv: "Zum Teil haben wir von den Kindertiteln mit Lerninhalt sogar mehr Stückzahlen verkauft als von manchen Spiel."

Durchaus optimistisch im Hinblick auf die künftige Marktentwicklung ist auch Sylvia Tobias, Vertriebs-/Marketingleiterin beim Münchner Max Hueber Verlag. "Der Markt scheint sich wieder etwas zu erholen, allerdings nimmt die Preissensibilität vor allem im Segment Kindersoftware eindeutig zu", gibt Tobias zu bedenken. Anneke Vogt, Marketing Director von Kiddinx, kann dies nur bestätigen. Ihrer Meinung nach sind die Umsatzeinbußen keine Absage an das Thema Lernen & Edutainment, sondern ein durch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hervorgerufenes Nein des Verbrauchers zu hochpreisigen Erzeugnissen. "Wir bewegen uns mit unseren Produkten auf einem Preis-Leistungs-Niveau, das auch bei der momentanen Marktlage vom Verbraucher akzeptiert wird", berichtet Vogt.

"Qualität wird sich durchsetzen"

Dass die Kundschaft wesentlich kritischer ist, ihre Kaufentscheidungen mit viel mehr Rationalität fällt und mehr auf das Preis-Leistungs-Verhältnis achtet, kann auch Dieter Dedeke, Geschäftsführer von bhv, bestätigen. "Dieser Trend kommt uns jedoch als Lernsoftware-Discounter zugute", freut sich Dedeke. Statt im Hinblick auf Produktion, Logistik und Verwaltung kostenintensive Einzelprodukte in den Handel zu stellen, biete bhv mehrere Jahrgänge in einem Paket an. "Das macht auch dem Handel mehr Spaß, da derartige Pakete weniger Platz wegnehmen, weniger Kapital binden und attraktiv für eine breitere Käuferschicht sind", so Dedeke. Am deutlichsten wird das bhv-Konzept bei "Schule total", dem Flaggschiff des Unternehmens im Bereich Lernsoftware. Für das diesjährige Geschäft zum Schuljahresanfang wurde die Anzahl der Einzelprodukte in dem Paket verdoppelt - bei gleich gebliebenem Preis. Entsprechend groß sind die Erwartungen.

Dass sich viel über den Preis bewegen lässt, weiß auch Freya Looft, Produktmanagerin bei dtp digital tainment pool. Das Hamburger Unternehmen hatte Anfang des Jahres die Preise für die "Tim 7"-Lernreihe reduziert, was zu einem Anstieg der Verkäufe führte. Die Preissenkung war laut Looft eine Reaktion auf den immer schwieriger werdenden Markt und eine Situation, die auf Preiskämpfe, den Einstieg "segmentfremder" Lizenzen wie Disney und den verstärkten Portfolioausbau der Schulbuchverlage im Bereich Nachmittagsmarkt zurückzuführen sei. "Insofern wird der 'Kuchen' für alle Anbieter kleiner", so Looft. Von einem erhöhten Konkurrenzdruck, der sich vor allem auf das Preisgefüge auswirkt, weiß auch Gabriele Kellerer zu berichten: "Der Markt sah sich im letzten Jahr einer großen Anzahl an Publikationen und einem erheblichen Preisdruck ausgesetzt", so die PR-Managerin von United Soft Media Verlag. Bei den Münchnern war man dennoch mit den Verkäufen zufrieden. Schlüssel zum Erfolg sei dabei Qualität, auf die USM besonderen Wert legt. "Wir sind der Ansicht, dass in diesem Segment jetzt eine Art Konsolidierung einsetzt und sich insbesondere Qualität durchsetzen wird", so Kellerer.

Ein gutes Beispiel für den Erfolg gerade von preisgünstiger Software ist der Topos Verlag, der sich auf das Low-Price-Segment bei Lernsoftware regelrecht spezialisiert hat. "Jeder Konsument kann sich unsere Lernsoftware auch in schlechten Zeiten leisten", sagt Sven Gärtner, Geschäftsführer von Topos. Wohl auch deshalb seien die Umatzeinbußen bei Topos deutlich geringer ausgefallen als bei vielen Mitbewerbern. "Das mag damit zu tun haben, dass der Kunde inzwischen erkannt hat, dass er bei einigen teuren Produkten einen großen Teil des Kaufpreises für die Marke beziehungsweise die bekannte Figur bezahlt, die Software inhaltlich aber nicht unbedingt besser ist", mutmaßt Gärtner.

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