Retrogames: Vom Nischenmarkt zum Plattformmotor

Retrogames: Vom Nischenmarkt zum Plattformmotor
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Klassikersammlungen und Neuauflagen einstiger Spielehits tauchen nicht nur immer öfter im Portfolio der Spielehersteller auf, sie Überraschen auch durch ungeahnte Umsatzerfolge. Die technologische Nähe einsitger Heimkonsolen und heutoger Handhelds begünstigen Retrogaming als preiswerte Alternative, um möglichst rasch und ohne allzu großen finanziellen Aufwand ein breites Sortiment an neuen Plattformen auszubauen.

In Hollywood ist die Methode gang und gäbe: Aus fast vergessenen Filmstoffen wird mit aktuellen Stars und moderner Technik ein Remake gezimmert - inhaltsgleich, jedoch schneller, bunter, zeitgemäßer. Während die Neuauflagen beim reiferen Kinopublikum oft auf wenig Gegenliebe stoßen, misst die junge Generation die Neuverwertung einzig an der aktuellen Konkurrenz. Gut vier Jahrzehnte, nachdem "Space War" als erstes Videospiel auf einem Großrechner lief, hat auch die Spieleindustrie einen üppigen Backkatalog einstiger Blockbuster und All-Time-Klassiker aufgebaut.

Vorsichtiger Einstieg

Auch wenn von einer massiven Retrowelle à la 80er-Jahre-Revival in der Mode oder DDR-Shows im Fernsehen nicht die Rede sein kann, die ersten, vorsichtigen Rückbesinnungsversuche haben zahlreiche Publisher bereits hinter sich: Immer öfter werden Klassikersammlungen wie die "Activision Anthology" mit zehn alten VCS-Titeln oder neue Spiele mit traditionsreichen Protagonisten wie Konamis "Contra: Shattered Soldier" aufgelegt. Und der Erfolg gibt den Unternehmen Recht. So schlachtet allen voran Nintendo seinen reichen Schatz an Spielehelden und Konsolensoftware vergangener Tage konsequent aus: Der Game Boy Advance ist mit seiner Super-Nintendo-nahen Hardwarearchitektur zur perfekten Recycling-Plattform avanciert. Und zumindest für den Mario-Konzern lohnen sich die Neuauflagen: Neben "Pokémon" sind es immer wieder detailgetreu umgesetzte SNES-Klassiker, die die Handheldcharts anführen.

Von "Mario Kart" über "Yoshi's Island" bis zu "Donkey Kong Country" - Titel, die vor einem Jahrzehnt die Konsolenlandschaft am Fernsehschirm beherrscht haben, dominieren die mobile Plattform des 21. Jahrhunderts. Und das, obwohl sie den Originalen aufs Pixel genau gleichen. Oder gerade deswegen? Vielleicht ist es ja doch der perfekte Spielspaß, der, ungeachtet der technischen Entwicklung, mit dem Alter kein Fünkchen von seiner Attraktivität verliert. Die wichtigste Frage, die sich Publisher und Händler bei Retroprodukten stellen müssen, ist die nach der Zielgruppe. Während hochklassige 16-Bit-Titel auf GBA auch die jungen Kunden fesseln, die aus der Prä-Playstation-Ära nur "Mensch ärgere Dich nicht" und "Monopoly" kennen, sprechen Retrosammlungen der 8-Bit-Zeit hauptsächlich die Hardcoregamer und Nostalgiker an. Kaum jemand wird an den frühen Simpelspielchen der achtziger Jahre wie "Pitfall!" oder "Atari Circus", wie sie auf "Activision Anthology" oder bei THQs Atari-Stick zu finden sind, dauerhaft Gefallen finden, wenn er nicht mit der damaligen Originalkonsole in Berührung gekommen ist oder Interesse an der Videospielhistorie hat.

Bei solchen Produkten zählt deshalb vor allem das Preis-Leistungs-Verhältnis - nur für ein bisschen Schwelgen in der Vergangenheit berappt der Kunde keine 60 Euro. Bernd Reinartz, PR-Manager von Activision, drückt es drastisch aus: "Ein altes Spiel zu emulieren und dafür einen Vollpreis von seinem Kunden zu verlangen finde ich ziemlich respektlos und unverschämt." Und so ist Reinartz bei "Activision Anthology" nicht nur über einen Preis von 29 Euro glücklich, sondern auch "sehr zufrieden" mit den Abverkäufen. Dieser Logik der preislichen Schmerzgrenze schließen sich die meisten Hersteller an: Die PSone-Doppelpacks antiker "Final Fantasy"-Episoden, "Origins" und "Anthology", wurden jeweils mit einem Preis von 30 Euro ausgestattet - und das, obwohl sogar Zusatzmaterial auf den CDs Platz fand.

Helden ohne Verfallsdatum

Auch Sega in Japan gibt sich Mühe mit einem trotz Mehraufwand respektablen Preis: Dieser Tage erscheinen Klassiker wie "Phantasy Star" oder "Monaco GP" in der "Sega Ages"-Reihe: Für 2500 Yen, knapp 20 Euro, bekommt der PS2-Spieler keine simplen Emulationen, sondern grafisch und akustisch vorsichtig aufgepeppte Versionen. Nintendos Handheld-Preispolitik ist dagegen fragwürdig: Für das GBA-Kartenlesegerät "e-Reader" verkauft der Spielegigant in den USA Sammelkarten mit originalgetreuer NES-Software zwischen fünf und acht Dollar. Ein absurd hoher Preis, wenn man bedenkt, dass die Originalmodule auf Flohmärkten oder bei eBay schon für die Hälfte zu haben sind. Eine größere Zielgruppe als durch emulierte oder dezent aufgebohrte Originalsoftware lässt sich heute mit modernen Remakes einst populärer Spiele erreichen, bei denen nur Protagonist und Grundprinzip dem Klassiker entstammen. Zwar gingen Hasbro Interactives solide Neuauflagen alter Atari -Titel wie "Pong", "Centipede" oder "Missile Command" (PSone, PC) Ende der Neunziger im Markt unter, ein damals 16 Jahre alter Held aber nahm die USA im Sturm. Von der simplen Hüpferei "Frogger", die auf einem Konami-Automaten von 1981 basiert, wurden in Nordamerika seit 1997 über drei Millionen Einheiten abgesetzt - allein für PSone.

Damit schlug das qualitativ mittelprächtige Spiel angesehene Triple-A-Titel wie "Tekken 3" oder "Crash Bandicoot". Ein Erfolg, der kaum vorhersehbar war und die Publisher ermuntert, immer mal wieder mit ihren klassischen Helden auf Kundenfang zu gehen. Nach 16- und 32-Bit-Neuauflagen wird Activision Anfang 2004 "Pitfall Harry" ins Next-Generation-Rennen schicken, zur selben Zeit lässt Konami seinen Frosch in "Frogger's Adventures: The Rescue" ein weiteres Mal springen. Ubisoft gewährte vor kurzem dem 20 Jahre alten Laserdisc-Helden Dirk the Daring in "Dragon's Lair 3D" einen neuen Auftritt, und Namco verweigert dem Welterfolg "Pac-Man" seit Jahren den verdienten Ruhestand. Eine kommende Neuauflage wurde gar auf der E3-Pressekonferenz von Nintendo groß als "killer application" für GBA und GameCube gefeiert. Doch wo sind die Klassiker der goldenen Home-Computer-Ära, wo die prägenden Apple2-, C64-, Amiga- oder IBM-Titel der achtziger Jahre?

Auf den ersten Blick erstaunt es, dass die Publisher - im Gegensatz zum Konsolensegment - kein Interesse daran haben, die Schätze ihrer Computerspielarchive zu heben. Nur wenige ZX-Spectrum-Titel wie "Manic Miner" oder Rares "Sabre Wulf" bekamen bzw. bekommen ihre GBA-Neuauflage. Dagegen liegen unzählige Klassiker mit einmaligem Ruf in der Spielergemeinde auf Halde, beispielsweise EA-Klassiker wie "Archon", "M.U.L.E." oder "Seven Cities of Gold", britische C64-Geniestreiche wie "Uridium" oder "Paradroid" oder auch die frühen Vertreter der brillanten Rollenspielreihen "The Bard's Tale", "Ultima" und "Wizardry" - die Liste ließe sich beliebig erweitern. Die Unlust der Publisher gründet auf der Tatsache, dass die damaligen Home-Computer-Fans vornehmlich zu PC-Nutzern herangewachsen sind. Und die haben ganz andere Möglichkeiten, ihre alten Favoriten auch heute noch zu genießen. "Was den PC von den Konsolen unterscheidet, ist die überaus einfache Möglichkeit, klassische Titel als Emulation spielen zu können", erklärt Markus Schütze, Junior PM von THQ. Wer mit Google umgehen kann, findet innerhalb weniger Minuten seine Lieblingsspiele in ihrem Originalcode als so genannte ROMs oder Disc Images, Emulatoren für jegliches klassische Computersystem geben die alte Software originalgetreu wieder.

Trotz Copyrightverletzung ist hier das Unrechtsbewusstsein kaum ausgeprägt, zudem ist der Downloadaufwand gering: Ein paar hundert Kilobyte für Emulator und Disc Image sind die Regel. Und die frühen PC-Klassiker wie Sierras "Quest"-Adventures oder das erste 2D-"SimCity" lassen sich ohnehin mit Bremssoftware auf heutigen Rechnern spielen.Nichtsdestotrotz kann das Anbieten legaler Klassikersammlungen für den PC ebenso sinnvoll sein wie für Konsole. Reifere Kunden, die als Kinder und Jugendliche die Home-Computer-Ära raubkopierend mitgemacht haben, sind heute häufig gewillt, Geld für die Spiele von damals auszugeben - sei es aus purer Nostalgie oder um endlich auch mal legal ein Spiel zu besitzen, mit dem man zwei Jahre seines jungen Lebens zugebracht hat. Beim Internetauktionatshaus Ebay werden ständig illegale C64-Kollektionen auf CD verkauft, und ebenso schwunghaft ist der Handel mit alter Originalsoftware.

Chance für Retro dank Handys

Liebevoll gestaltete Neuauflagen mit Zusatzmaterial wie Interviews mit Entwicklern oder auch nur der Reproduktion der alten Anleitung könnten zweifellos in dieser liquiden Zielgruppe ihre Abnehmer finden. Die große Chance, Klassiker und olle Kamellen wieder unter die Leute zu bringen, kommt aber gerade erst auf die Publisher zu - künftige Plattformen und die zunehmende Verbreitung von Spielehandys und PDAs machen einen riesigen Retromarkt nach dem Vorbild von Nintendo und Game Boy Advance möglich. Bereits heute werden für Java- und i-Mode-fähige Geräte in großem Umfang klassische Titel angeboten - sei es Data Easts Uraltautomat "Burger Time", den die Münchner Softwareentwickler Living Mobile für diverse Nokia-Telefone umgesetzt haben, oder Capcoms Ballerkult "1942", der auf Sharp-Handys gedaddelt wird. Pocket-PC-Besitzer dürfen sich dagegen häufig mit Umsetzungen älterer PC-Titel vergnügen: Die koreanische Firma Zio Interactive Entertainment hat beispielsweise glorreiche EA-Titel wie "SimCity 2000" oder "Ultima Underworld" im Programm. Mit größerer Bandbreite durch UMTS, besseren Displays und schnelleren Prozessoren werden künftige Multifunktionsgeräte auch immer mehr zur mobilen Spielehardware. Und die schreit aufgrund ihres Benutzerprofils (Gelegenheitsspieler) nach günstiger Software, die leicht verständlich, einfach zu bedienen und dennoch mitreißend ist - Attribute, die vor allem auf Retrospiele zutreffen. Und dann wären da noch die großen Zukunftsprojekte von Nokia und Sony: Trotz seines Hightechanspruchs liest sich die Veröffentlichungsliste für das N-Gage wie ein Abriss der letzten 20 Jahre Spielegeschichte.

Retrotrend durch moderne Technologie

" Taito Memories" bringt "Space Invaders", "Puzzle Bobble" und "Puzznic" aufs Handy-Display, Crystal Dynamics hat den 3D-Plattformer "Pandemonium!" reaktiviert, und Lara ballert sich durch ein "Tomb Raider" im Stil des ersten Teils von 1996. Auch Sonys Multimediawalkman PSP wird sich 2004 großzügig bei der zehnjährigen PSone-Entwicklungsgeschichte bedienen - der PlayStation-Konzern sucht bereits Spezialisten im Bereich Emulation. Nicht zuletzt steht eine Heimkonsole vor dem Markteintritt, die mit einem größeren Softwareangebot als alle aktuellen Systeme wirbt: Ohne einen riesigen Katalog alter (PC-) Titel im Rücken kann Infinium Labs seine Versprechen zur üppigen Spieleversorgung der Phantom-Konsole wohl kaum wahr machen. Goldene Zeiten also für die Rückkehr alter Spiele ins 21. Jahrhundert? Vielleicht wäre das zu optimistisch gedacht, schließlich spielen auch in Hollywood die besten Remakes selten so viel ein wie die besten Innovationen. Die Chance, den Retromarkt als solides Standbein der Branche zu positionieren, ist jedoch real, und angesichts stetig steigender Entwicklungskosten neuer Games ist es auch notwendig. Allerdings muss es den Publishern gelingen, durch sinnvolle Preisgestaltung und ansprechende Ausstattung den möglichen Eindruck von Abzocke zu verhindern.

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