VMI-Experte Göthert über Nutzen und Kosten des Systems

Experte für VMI: Uwe Göthert
Experte für VMI: Uwe Göthert © None

VMI ist ein Mittel zur Verbesserung der Performance in der Logistikkette. Während es in der Videobranche bereits mit spürbarem Erfolg eingesetzt wird, steht die Gamesbranche hier noch am Anfang. Über Sinn und Zweck, Möglichkeiten, Vorteile und Kosten dieses Tools sprach games.markt mit Uwe Göthert, Director Business Development bei arvato logistics services.

gm: Warum ist das Hilfsmittel VMI so wichtig?

Uwe Göthert: VMI optimiert die Bestandssituation, reduziert die Retourenquote, vermeidet "out of stocks" und gibt jederzeit einen aktuellen Überblick über die Bestandssituation in den Outlets. Dadurch lassen sich Abverkaufskurven, Werbewirksamkeitsanalysen und Aktionsverfolgung darstellen. Einerseits wird der Abverkauf optimiert, andererseits können Analysen nicht wie bisher über Panels, sondern auf Titel- und Handelskettenebene, ja sogar auf Outletebene dargestellt werden. arvato hat hierzu ein eigenes Datawarehouse (RIS - Retail Information System) entwickelt, um diese Daten nahezu in "Realtime" auszuwerten und auch historisch betrachten zu können. Beispielsweise können Titel und Aktionen gegenübergestellt werden, um diese zu analysieren, oder um, basierend auf diesen Daten, Forecasts zu erstellen.

gm: Und wie funktioniert VMI?

Uwe Göthert: Im VMI-System werden die Regale bzw. der zur Verfügung stehende Platz in den Outlets virtuell dargestellt und durch die Industrie mit Titeln in Breite und Tiefe bestückt. Diese Mengen werden durch das VMI-System aktiv verwaltet und je nach Abverkäufen in den Outlets, in Abstimmung mit einer Optimierung der Lieferkosten, bewirtschaftet. Hierbei werden die Lieferzeiten, der Lieferrhythmus und die Art der Belieferung (zentral oder dezentral) berücksichtigt. Ein wichtiger Aspekt dabei - gerade in der Gamesbranche - ist, in welchem Stadium des Lebenszyklus' sich das Produkt befindet.

gm: Welche Vorteile bietet es?

Uwe Göthert: Der Vertrieb und das Marketing können aus den aktuellen Abverkaufs- und Bestandsanalysen die Strategie für die weitere Vorgehensweise ableiten und somit eine Über-, oder schlimmer noch, eine Unterlieferung vermeiden. Das Ergebnis ist eine bedarfsgerechte Bestückung, das heißt, eine optimale Nutzung der Fläche im Verhältnis von Titelbreite und Titeltiefe. Die Abverkaufszahlen lassen sich in Verbindung mit den Abverkaufspreisen für eine Darstellung der Preiselastizität nutzen. So können sowohl die Industrie als auch der Handel eine optimale Marge realisieren. Die Nachverfolgung von Marketingmaßnahmen anhand der Abverkaufszahlen ist ein weiterer wichtiger Punkt in der Auswertung der Daten.

gm: Die Videobranche arbeitet zum Teil bereits seit längerem damit. Gibt es schon empirische Daten, was der Einsatz von VMI bringt?

Uwe Göthert: Das ist richtig. Seit ungefähr Sommer 2002 haben Saturn und Media Markt viele ihrer Outlets auf VMI (Retail direct, wie es hier genannt wird) umgestellt. Hier wurden besonders im Backkatalog erhebliche Erfolge erzielt. Diese beruhen zum einen auf einer sofortigen Nachlieferung bei Abverkäufen, und zum anderen auf der individuellen Optimierung der Bestände in den Outlets. Hier sind besonders die Bereiche Special Interest, Kinder und auch Klassiker hervorzuheben, bei denen Steigerungsraten der Abverkäufe von 30 bis 50 Prozent keine Seltenheit waren. Generell wirkt VMI sich jedoch auf die gesamte Supply Chain aus. Hier können Abläufe optimiert werden; lästige und aufwendige administrative Arbeiten lassen sich automatisieren, wodurch der Vertrieb die Möglichkeit hat, sich auf das Wesentliche - den Verkauf - zu konzentrieren. Aus dieser Sicht betrachtet, hat VMI viele verschiedene positive Hebel: 1. Steigerung der Abverkäufe, 2. Reduzierung von Retouren, 3. Optimierung der Prozesse in der Supply Chain und 4. Straffung der Abläufe in der eigenen Organisation.

gm: Arbeiten auch Gamespublisher mit VMI?

Uwe Göthert: So weit mir bekannt ist, wurde es noch nicht in der breiten Fläche umgesetzt, wobei aber auf verschiedenen Ebenen Gespräche stattfinden, um VMI zu forcieren. Einzelne Tests in verschiedenen Outlets laufen hierzu bereits.

Optimale Margen für Industrie und Handel

gm: Arvato bietet selbst ein VMI-System an. Haben Sie im Gamessegment Partner?

Uwe Göthert: Wir haben uns bei der Realisierung von ODS/R.I.M. (ODS = Open Distribution System, R.I.M. = Retail Inventory Management; Anmerkung der Redaktion), wie unser VMI-System heißt, darauf konzentriert, eine breite und offene Plattform zu schaffen, die für die gesamte Entertainmentbranche, also DVD/Video, Games und Musik, einsetzbar ist. Besondere Flexibilität im Bereich der Schnittstellen und hinsichtlich der speziellen Anforderungen der einzelnen Segmente - dies ist bei Musik die enorme Titelbreite, bei DVD/Video das Aktionsgeschäft und bei Games der Lebenszyklus, um nur einige Beispiele zu nennen - liegt uns hierbei sehr am Herzen. Derzeit führen wir mit verschiedenen Anbietern sowie mit bestehenden Kunden, die bereits über uns distribuieren, Gespräche über eine mögliche Umsetzung von VMI mit ODS-R.I.M. Das Interesse ist groß, und die Potenziale sind klar, jedoch müssen Industrie und Handel hier zusammenarbeiten und Konzepte erstellen, um VMI im Gamesbereich erfolgreich ein- und umzusetzen. Falls dies gewünscht wird, könnten wir uns bei arvato auch eine neutrale Plattform vorstellen, die Koordination, Datenaustausch, Distribution und Kommunikation übernimmt.

gm: Was ist das Besondere an ODS/R.I.M. von arvato logistics services?

Uwe Göthert: In den Outlets werden Verkäufe durch Scannung der Produkte an den Kassen erfasst. Von den Kassensystemen übernimmt ODS/R.I.M. diese Verkaufsinformationen und bucht sie vom Bestand ab, der für jedes einzelne Handelsoutlet in ODS hinterlegt ist. ODS kennt also zu jedem Zeitpunkt die Bestandssituation aller geführten Artikel im Outlet. Darüber hinaus liegen Daten vor, wie schnell die Verkäufe stattfinden und ob sie zunehmend oder abnehmend verlaufen. Aus diesen Daten errechnet ODS/R.I.M. dann Werte, die - wenn sie erreicht werden - im System automatisch eine Nachbestellung anstoßen.

gm: Welcher Aufwand, welches Investment ist notwendig, um mit diesem Tool erfolgreich zu arbeiten? Gibt es Folgekosten?

Uwe Göthert: Bei der Einführung von VMI handelt es sich um ein sehr komplexes Projekt, das neben Schnittstellen, Systemen, Prozessanpassungen und Ressourcen natürlich auch eine finanzielle Investition darstellt. Diese Komponenten werden je nach Industrie und Handelspartner in unterschiedlicher Intensivität benötigt, sodass es unmöglich ist, an dieser Stelle eine globale Aussage zu möglichen Investitionen zu treffen. Es kommt auch darauf an, ob die Branche für sich eine offene oder jeder einzelne Industriepartner eine eigene VMI-Lösung aufbaut. Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass jeder in VMI, und damit in optimierte Bestände, höhere Abverkäufe und Datengrundlagen für Analysen, investierte Euro ausgesprochen gut angelegt ist.

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